Die Krise bildhaften Denkens und das Wirklichkeitsverständnis der Moderne

Wer in der Architektur den Rundbogen als Ausdruck des Bildhaften, des Inkommensurablen verwendet, das Kapitell neu interpretiert, wird als naiv belächelt. Wer auf Empfindung beruhende komplexe Bildhaftigkeit erzeugt und Anspruch auf exakte Beschreibung von Wirklichkeit erhebt, wird misstrauisch beäugt. Dieses Misstrauen gegenüber bildhaftem Denken beruht auf dem emanzipatorischen Ansatz der Moderne. Triebfeder der Moderne war die Befreiung von Natur und hierarchischer Ordnung.
Mittel zum Zweck ist ein Denken, das in der Abkehr von der Erklärung der Welt aus dem Begrifflichen allein, die aus der Distanz durchgeführte Beobachtung einzelner Phänomene, zum Ausgangspunkt menschlichen Weitverhältnisses macht. Auf diese Weise kam die Wissenschaft zur quantitativen Durchdringung einzelner Phänomene, deren Anwendung gleichzeitig den Menschen in den Stand versetzte, sich seiner absoluten Abhängigkeit von Natur zu entledigen.
Ontologischer Wahrheitsanspruch und die damit verbundene

hierarchische Ordnung werden in Frage gestellt. Der Mensch stellt sich auf sich selbst mit Hilfe seines Denkens. Hierbei bleibt er jedoch nicht stehen. Überwältigt von der Möglichkeit des Machens benutzt er das Quantitative zur Erklärung der ganzen Weit.
Wirklichkeits- und Rationaltätsverständnis des modernen Menschen gehen Hand in Hand. Rational ist, was sich zur Gewährleistung von Autonomie als Quantitatives instrumentalisieren lässt. Was sich als äußere und innere Wahrnehmung nicht beschreibenden Ordnungsschemata, nicht starrer Regelhaftigkeit fügt, die Beherrschung äußerer und innerer Natur beeinträchtigt und sich damit herkömmlicher Verstandeslogik entzieht, wird dem Übervernünftigen zugeordnet. Da das Irrationale gleichzeitig zum Irrealen wird, wird aus Übervernunft die Unvernunft. Was aber unvernünftig erscheint, ist nicht mehr Gegenstand eigenständiger Untersuchung. Die Welt des Bildes ist Ausdruck vergangener Ordnung, definiert höchstens noch die Subjektivität des Gefühls. Stigmatisiert wird, wer den Anspruch auf mehr erhebt.

weiter